Montag:
Heute wird’s ein ereignisreicher Tag! J.C. hat heute seine letzte Nacht an Bord verbracht. Seine zweite Schiffszeit geht heute zu Ende! Nachdem sein erster Einstieg vor rund drei Monaten missglückt ist, kriegt J. nun eine zweite Chance.
Es ist kurz vor Zehn, als J. seine Unterschrift unter die druckfrische Absichtserklärung setzt. Hohe Ziele! Wir hoffen, dass es diesmal klappt! Mit der ambulanten Nachbetreuung werden wir für die nötige Begleitung und Überprüfung der Ziele sorgen.
Auch Urs Rüttimann macht sich zum Abschied bereit. Während der letzten fünf Wochen war er bei uns an Bord und hat einen unermüdlichen Einsatz geleistet. Er wird Kadett JC nach Hause begleiten.
Kurz nach zehn schellt die Glocke. Zeit für den Abschied. Einige ermutigende und dankbare Worte an die Crew und die Jungs. Das waren gute fünf Wochen. Er wünscht uns allen eine gute Zeit und wird sich anfangs März wieder an Bord einfinden.
Mittlerweile schicken sich die Abreisenden ins Beiboot zu steigen. Während dessen heisse ich die nun verbleibenden elf Jungs, die Lücke zu schliessen. Noch einmal wird nach der Linie ausgerichtet und durchnummeriert.
Dann das Kommando: „ rechts-umkehrt“! und als das Beiboot mit de winkenden Kameraden langsam vorbeifährt, wird salutiert. Auf wiedersehen, Kamerad!
Kurz nach Mittag schellt die Glocke erneut. Patrick Gränicher, der Kapitän, der Urs Rüttimann ablöst, meldet sich über SMS. Unsere Jungs freuen sich offensichtlich sehr auf ihn. Und so gibt es kurz darauf ein herzliches Wiedersehn!
Am Nachmittag erscheinen dann wie zur Krönung des Tages eine Schule Pilotwahle ganz in unserer Nähe. Jetzt wird es aber lebendig an Deck. Es wird nach den Kameras gehechtet, einander auf den Zehen herum getrampelt. Kurz darauf dichtes Gedränge auf dem Klüverbaum. Für viele unsere Jungs sehen zum ersten Mal in ihrem Leben eine Schule Pilotwahle. Dementsprechend gross ist die Begeisterung!
Mittlerweile ist es draussen Nacht geworden ungewöhnlich düstere Wolken bedecken den Himmel. Soeben macht mich Patrick darauf aufmerksam, dass meine Antenne im Regen steht! Regen auf den Kap Verden? Eine bemerkenswerte Ausnahme lässt mich meine Antenne in Sicherheit bringen.
Schiebende und schürfende Geräusche von Stuhlbeinen im Salon lassen mich ahnen, dass das Nachtessen vorbei ist. Kurze Zeit später vernehme ich ausgelassenes Pfeifen und Händeklatschen. Offensichtlich scheint unseren Jungs das Filmegucken nie zu verleiden. Schon wieder ein Film? Ob das pädagogisch sinnvoll ist? Jedenfalls lässt sich mit dem Begriff „Weihnachtsferien“ einiges entschuldigen…
Dienstag:
Heute Morgen gibs einmal kein Schwimmsport. Zu viele Jungs pfnüseln rum. Spätestes bis morgen wollen wir dem ungebremsten Drüsenfluss Herr und Meister werden, sonst fällt das Tauprojekt für einige ins Wasser!
Aus Erfahrung, aber auch mit klarem Verstand lässt sich durchaus nachvollziehen, dass wer erkältet ist, nicht taucht. Schliesslich niesst sichs unter Wasser nicht gut!
Und der Druckausgleich kann natürlich auch nicht erfolgen. Beim Frühstück wird dann unter Spannung (die Pädagogen verstehen sich besonders gut darauf, diese aufzubauen) verkündet, aus welchen Jung sich der erste Tauchtrupp zusammenstellt. An dieser Stelle sei erwähnt, dass wir aufgrund der Übersichtlichkeit unsere Gruppe in zwei Hälften aufteilen müssen. So kommt es, dass die Einen bereits heut, die Anderen dann morgen zum Vergnügen kommt.
Das heisst, dass eigentlich nicht wir die Gruppeneinteilung gemacht haben, sondern Frau Husten und Herr Schnupfen. Heute mit dabei sind Y.O., A.G., H.Ü., M.M., und J.B.. Begleitet werden die Abenteuerlustigen von Patrick, unsrem Kapitän.
Erst morgen dabei ist unsere Küchencrew. Die fahren nämlich heute Vormittag mit Madeleine nach Espargos zum Einkauf.
Es ist jetzt neun Uhr und Einkäufer und Taucher sind weg. Nicht verwunderlich, dass es plötzlich sehr ruhig wird an Bord. Heute erkläre ich das Wascheämtli zu meiner persönlichen Angelegenheit. Trommel um Trommel wird gefüllt. Schließlich will der teure Diesel des Generators gut genutzt sein. G.F. und ich nutzen die ruhigen Stunden um den baldigen Übertritt in die Schweiz zu besprechen. Ich staune, wie offen er seine Schwächen anspricht und auch anderweitige Gefahren beim Namen nennt.
Ganz im Gegensatz zu einem anderen Kandidaten, (dessen Initialen hier verschwiegen seien, und dessen foppendes Gstürm ich heute eine Stunde lang anhören musste) will sich G. dem Rauchen und Kiffen enthalten. Ob er das wohl schafft? Wir wüschen ihm viel Erfolg zu seinem Vorsatz und werden alles tun, ihn in seinem Vorhaben zu stützen.
Unterdessen kocht uns Karina in der Küche Spaghetti Bolognese. Tatkräftige Unterstützung erhält sie vom Landsmann T.E. Deutsche unter sich! Das Resultat konnte sich schmecken lassen und die Teller wurden kräftig gefüllt. Ich frage mich manchmal, wie die Kalorien nur hinkommen. Die Antwort finde ich eine Stunde später. Sie lautet Pumpen. Damit sind die sich immer wiederholenden Übungen gemeint, die die Muskeln wachsen lassen. Da wir gedrückt, gezogen, gebeugt und gestützt was das Zeugs hält. “Mr. Mucki“ erklärt mir, dass er später mal unter den Grenadieren dienen wolle… und dazu wolle er fit sein. Ich frag mich nur, wie das mit gewissen Genusswünschen zu vereinen ist….
Muskeln aufpumpen, als ob es Schläuche wären! Es wird Zeit, dass die Weihnachtsferien zu Ende gehen. Und die Energie in produktives Arbeiten umgewandelt wird.
Und plötzlich Aufregung an Bord. Es gelingt gerade noch, einige Fotos vom vorüberrauschenden Tauchboot zu machen! Ohne Ausnahme haben unsere Froschmänner alle das breite Grinsen im Gesicht!
Etwas später steigen dann fünf zufriedene Jungs an Bord und schwärmen von den submarinen Erlebnissen!
Mittwoch
Heute werden unsere Kadetten ausnahmsweise von uns geweckt! Wenige Minuten später ist der Morgensport in vollem Gange. Beaufsichtigt werden die Kadetten von unserem Matrosen FZ. An der Reling stehend, streicht er jede geleistete Runde ab.
Das Resultat ist offensichtlich. Aufgeweckte, rosige Gesichter am Morgentisch.
Begleitet von strahlendem Sonnenschein machen sich die Froschleute von heute kurz vor Neun auf den Weg. Die Zurückgebliebenen machen das Schiff seeklar. Geschickt wollen wir den vom Windguru angemeldeten Wind und vor allem Wellen ausweichen. Dies bedeutet, dass wir für einige Tage Schutz auf der Westseite von Sal suchen werden.
13:15Uhr und der Anker fällt. Die kurze Fahrt nach Palmeira hat gerade mal vier Stunden gedauert und tatsächlich… es ist hier viel ruhiger. Die Sonne scheint noch immer friedlich vom Himmel und ich versuche eben mit der neuen Antenne ein anständige WiFi- Verbindung hin zu kriegen.
Donnerstag:
Heute findet der Morgensport unter der Leitung von Leichtmatrose A.G. statt. Anschließend frühstücken die Jungs im unserer Abwesenheit, weil wir Erwachsenen uns zu der allwöchentlichen Austauschrunde im Achtersalon treffen.
Im Anschluss an Ämtlizeit und Vorglühen meldet sich unser Schiffsjung Y.O. bei uns an der Achtersalontüre wie abgemacht zum Abschlussgespräch. Nach einem zusammenfassenden Rückblick über die 44 anwesenden Wochen unterhalten wir uns über Stärken, Schwächen und Charakter. Ziele werden definiert, Strategien ausgearbeitet. Nach etwas mehr als einer Stunde wird der Kandidat mit den besten Wünschen für seine Zukunft entlassen.
Freitag:
Unsere Jungs haben heute Morgen den treuherzigen Hundeblick drauf. „Müssen wir den heute Morgen wirklich schwimmen?“ fragt T.E. mit der feinsten Stimme, die er im Repertoire hat. Auch Leichtmatrose findet, dass es heute doch ziemlich kühler ist als sonst. Doch Madeleine nimmt ihre Pflicht war und zieht durch, was wir uns vorgenommen haben. Ganz ohne Strukturen geht bald alle Disziplin über Bord!
Und wirklich, kaum sind sie im Wasser ist alle Bettwärme vergessen und die Muskeln schalten auf Leistung. Die von J.B scheinen heute wieder besonders gut zu funktionieren. Es ist immer eine Augenweide, zu sehen, wie der athletische Körper durch die Wellen pflügt. Unbarmherzig erinnert er mich nach vollbrachter Leistung daran, dass ich einmal versprochen heben soll, denjenigen zum Nachtessen an Land einzuladen, der die zehn Runden unter der magischen 14Minutengrenze schaffen sollte. Madeleines Stoppuhr soll heute ganz knapp über oder unter 14Minuten angezeigt haben. So genau könne man diese Uhr nicht ablesen.
….zum Glück. Bewiesen muss es erst sein. Aber ehrlich gesagt, stehen meine Chancen bei dieser Wette davon zu kommen sehr schlecht.
Nach dem Morgenessen, sie erraten es bereits, folgt das Vorglühen. Nach dem Vorglühen allerdings folgt ein Gruppenspiel. Ein Spiel namens Mafia!
In dem imaginären Örtchen Düsterwald, treiben einige Mafiosi ihr Unwesen. Auf Verdächtigungen folgen Verteidigungen und Plädoyer und Verurteilungen. Am Ende des Tages steht jeweils eine Hinrichtung durch die eingeschworene Dorfgemeinschaft. Der Spielleiter MM gibt im Anschluss jeweils bekannt, ob es sich um ein unschuldiges Dorfmitglied, einen Undercoveragenten oder, im besten Fall, einen Mafiosi gehandelt hat.
Zum Glück alles Fiktion. Aber spannen ist es allemal. Wir spielen drei Durchgänge. Wir sind froh, dass am Ende jeden Durchgangs schlussendlich doch das Gute gesiegt hat!
Nach einem feinen Mittagessen treffen wir Erwachsenen erneut (man glaubt es kaum, aber schon wieder ist eine Woche vorbei) in den Achtersalon zurück, um währende den folgenden 80 Minuten die vergangene Woche auszuwerten und zu benoten.
Eine Angelegenheit, bei dem höchste Konzentration und ausgeprägter Gerechtigkeitssinn gefragt ist!
Trotz auffrischenden Winden findet das Grillieren heute Abend an Deck statt.
Samstag, Silvester
Meine Stoppuhr zeigt 15Minuten und 17 Sekunden. Unser schnellster Schwimmer J.B. entsteigt die Badeleiter hoch. Und ich habe gedacht, dass die vierzehn-Minutengrenze ernsthaft gefährdet sei!?
Erkältung und viel Wind hätten heute das Resultat beeinflusst. Soso….ich jedenfalls weiss, dass Wind und Wellen auf den Kap Verden nicht so schnell verabschieden.
Beefrunde zu Jahresabschluss: im Gegensatz zu letzter Woche fällt das Wort „chillig“ nicht. Es gibt Stunk zu klären. Nach ein paar klärenden Worten fallen tatsächlich auch einige Vorwürfe. Am Ende gibt es zwar einige Zornesalten, aber die ganze Austauschrunde ist empfinde ich wesentlich ehrlicher und konstruktiver als diejenige, der vergangenen Woche. Zwar fungiere ich heute als „Hebamme“, aber es waren hauptsächlich die Jungs, die Initiative zeigen.
Anschliessend folgt dann der bereits viel beschriebene Samstagsputz. Am Nachmittag begleite ich die beiden Küchentiger DS und MS an Land. Wir nehmen eines dieser typischen Sammeltaxis, genannt Aluger, nach Espargos um noch einige wichtige Silvestereinkäufe zu tätigen. So gegen Abnend lassen wir uns dann von Matrose F.Z. wieder an der Mole abholen. Im Gepäck haben wir Weingläser zum anstoßen, verschiedene flüssige Zutaten um diese zu füllen, Schokoladenmousse zum Dessert und tropische Früchte zu dekorieren.
Es ist jetzt bald fünf, als geht es direkt in die Kombüse. Wir rüsten, raffeln, schneiden, kochen und backen was das Zeugs hält. Dabei achten wir stets darauf, verschmutztes Geschirr sofort wieder abzuwaschen. Schliesslich brauchen wir jeden Quadratzentimeter Platz.
Unten im Salon laufen derweil die dekorativen Vorbereitungen auf Hochtouren. Alle helfen mit! Leichtmatrose A.G. knetet nebenbei noch den Teig für den Zopf zum Sonntagsbrunch.
So gegen Sieben ist es dann soweit. Die Schiffsglocke ruft zum Essen! Wir versammeln uns im vom Kerzenlicht erhellten Salon. Dem Applaus nach scheint das Essen geschmeckt zu haben.
„dinner vor one“. Wer kennt ihn nicht? Seit heute kenne ich den Fim und auch diese Bildungslücke ist geschlossen. Die Jungs amüsieren sich köstlich, wir Erwachsene auch. Schokoladenmousse mit geschlagener Sahne und Schokostreusel oben drauf gibt’s zum Dessert. Die Zeit bis zu Mitternacht nutzt Sir Ernest Shakleton, um uns auf seine polaren Abenteuer mit zu nehmen. Nicht mehr der neuste Film aber immer noch top Spannung im Salon. Nicht zuletzt, weil wir die nautischen Seiten der Geschichte besonders gut nachvollziehen können!
Pünktlich nach Satellitenuhr und Ortszeit um 24.00 Uhr heben wir die Gläser und stossen an. Es folgen einige kurze Worte zum Jahreswechsel. Vom Land her steigen einige Seenotsignalraketen in den Himmel. Ein Missbrauch, dessen wir uns bis heute erwehren konnten! Ein Wunder dass bis heute von Seiten der Jungs kein schriftlicher Antrag diesbezüglich eingegangen ist!
Sonntag, 1. Januar 2012
Es war wohl so gegen Zwei, als die letzten Lichter im Bauch unseres Schiffes ausgegangen sind. Aus diesem Grund haben wir heute Ruhe angeordnet bis um zwölf Uhr. Keine Grund für Schiffsjunge M.S., um Sieben aufzustehen und in aller Ruhe seinen ganzen Kleidervorrat neu zu falten und millimetergenau zu stapeln.
Madeleines Stirn legt sich in Falten, als sie am Esstisch über dieses nun doch deutlich übertrieben Verhalten hört. Da braucht es wohl ein Bisschen Korrektur. Denn auch hier gilt: Zuviel ist ungesund!
Der heutige Sonntag wird von unserem Kapitän und unserer Schnuppernden Karina Grätz bestritten.
Das Wetter heute ist wie gestern bewölkt, windig und eher kühl. Doch wir liegen hier vor dem Hafen von Palmeiras sicher und ruhig.
mm